Was Fotos in der Mittagssonne von Pattaya ruiniert

Mittag heißt in Pattaya: ungefähr von 11:30 bis 14:30 Uhr. Die Sonne steht fast senkrecht über dem Kopf, die Schatten sind kurz und hart, Sand und Wasser wirken wie eine zweite Lichtquelle von unten. Zum Fotografieren gibt es keine ungünstigere Tageszeit. Und ausgerechnet in diese Stunden fallen die meisten Buchungen von Touristen: zwischen Frühstück und Siesta, nach dem Transfer, vor dem Abendessen, in der freien Stunde zwischen zwei Ausflügen.

Mit dem Geschmack des Fotografen hat das nichts zu tun. Pattaya liegt auf 12° nördlicher Breite, und Ende April sowie Mitte August steigt die Sonne auf mehr als 88° über den Horizont, also praktisch in den Zenit. Das Licht kommt senkrecht von oben, prallt vom weißen Sand zurück und fällt als schräger Reflex vom Meer und von den Glasfassaden ins Bild. Die Kamera fängt vier Lichtquellen gleichzeitig ein, und Lightroom entwirrt dieses Chaos im fertigen Bild nicht mehr: Entweder wurde es vor Ort gelöst – oder gar nicht.

Was mit dem Gesicht passiert

Steht die Sonne über dem Kopf, werfen die Brauen einen tiefen Schatten auf die Augen. Die Nase zeichnet einen scharfen Streifen, das Kinn einen dunklen Keil auf den Hals. Wangen und Stirn bekommen dabei das direkte Licht ab und brennen aus. Das Gesicht wird zu einer Maske aus kontrastreichen Flecken.

An der Kamera liegt das nicht. Es sind die Gesetze der Optik, und gegen die kommt keine Nachbearbeitung an: Augen, die im Schatten liegen, liegen auch im RAW im Schatten. Man kann sie beim Bearbeiten aufhellen, aber dann wird die Haut grau und fleckig, und jeder, der das Porträt ansieht, merkt, dass nachgeholfen wurde.

Dazu kommt die körperliche Seite. In direkter Sonne kneift man die Augen zusammen. Die Mundwinkel verspannen sich, weil sich dabei nicht nur die Augen, sondern die ganze obere Gesichtshälfte zusammenzieht. Aus dem Lächeln wird eine Grimasse. Bei Kindern sieht man das sofort; Erwachsene halten länger durch, ermüden aber nach fünfzehn Minuten genauso.

Was das Licht zurückwirft

In Pattaya hat das Mittagslicht drei Partner, deren Wirkung dem Auge entgeht, auf dem Foto aber zu sehen ist:

Sand. Der trockene, helle Sand von Jomtien wirft das Licht von unten zurück, auf Kinn, Hals und Nasenlöcher. Auf Fotos ergibt das eine seltsam umgekehrte Beleuchtung: Die obere Gesichtshälfte liegt im Schatten, die untere ist angestrahlt. In Wong Amat und am Pattaya Beach ist der Effekt derselbe, nur schwächer, weil der Sand dort dunkler ist.

Wasser. An einem windstillen Mittag ist das Meer eine glänzende Fläche. Steht die Sonne im passenden Winkel, wirft es schräge Reflexe direkt ins Objektiv. Bei mattem Himmel wird das Wasser zu flachem Blau, bei glänzender Oberfläche zu weißen Flecken, die die Kamera als Überbelichtung registriert. In der Bearbeitung lassen sich diese Flecken nicht retten: Dort fehlen die Daten.

Glas und Fliesen. Condo-Balkone, Hotelpools und Restaurantterrassen wirken wie Spiegel. Ein Fenster hinter der Schulter des Kunden spiegelt die Sonne ins Bild. Helle Fliesen am Pool werfen Licht auf die Kleidung zurück. Eine Glastür schickt von der Seite einen Lichtblitz ins Bild, den man erst sieht, wenn die Aufnahme schon gemacht ist.

Was ein starker Fotograf tut

Er fotografiert nicht wie am Morgen. Stattdessen wählt er eine von vier Möglichkeiten:

In den Schatten gehen. Aber nicht in irgendeinen. Der Schatten einer Palme ist fleckig, und zehn Sekunden später haben sich die Blätter bewegt – und mit ihnen die Flecken im Gesicht. Was funktioniert, ist tiefer, gleichmäßiger Schatten: an einem Gebäude, unter einer dichten Markise, unter einem Bogen, in einem Treppenaufgang. In solchem Schatten fotografiert man auch ein Business-Porträt, wenn ein ruhiger Hintergrund ohne Postkartenkulisse gefragt ist.

Aufhellblitz einsetzen. Sonne von oben, Blitz von vorn. Der Blitz hellt die Schatten unter Brauen und Kinn auf, und das Gesicht ist wieder klar zu erkennen. Jeder Berufsfotograf kennt diese Technik seit seinem ersten Jahr. Bei Shootings am Strand und auf der Straße begegnet man ihr in Pattaya selten: Der Großteil des hiesigen Markts arbeitet nur mit natürlichem Licht, und mittags sieht man das den Bildern an. Ein externer Blitz oder zumindest ein Reflektor im Portfolio ist ein Signal für sich.

Die Härte zum Gestaltungsmittel machen. Kontrast, grafische Schatten, Silhouetten vor dem Meer, Profilaufnahmen, bei denen die eine Gesichtshälfte im Licht liegt und die andere im Schatten. Das ist eine Lösung für das Einzelporträt eines Erwachsenen. Bei einer Familie mit Kindern funktioniert sie nicht: Kinder halten das Posieren nicht durch, und ein solches Bild verlangt eine genau kontrollierte Pose.

Das Programm kürzen. Das ist der ehrlichste Weg. Wenn am Mittag drei bis fünf brauchbare Bilder herauskommen statt zwanzig, schlägt der Fotograf vor, das Shooting kurz zu halten oder zu verschieben. Das merken Sie, wenn Sie mit dem Fotografen schreiben: Wer mit Mittagslicht umgehen kann, schlägt von sich aus vor, früher anzufangen, einen Teil der Bilder nach drinnen zu verlegen oder nach einer halben Stunde statt nach einer ganzen aufzuhören. Stimmt er einer „Stunde Shooting um 13 Uhr am Meer“ ohne Vorbehalt zu, ist das kein gutes Zeichen.

Wonach Sie im Portfolio suchen sollten

Sonnenuntergänge gelingen jedem. Ein Instagram-Feed voller Bilder aus der goldenen Stunde beweist nichts. Sehen Sie sich die Tagesaufnahmen an.

Augen. Liegen sie in einer Mittagsserie in schwarzem Schatten oder sind sie zugekniffen? Dann hat der Fotograf einfach draufgehalten. Sind sie gut zu erkennen, hat er mit dem Winkel oder mit dem Blitz gearbeitet.

Schatten im Gesicht. Unter Nase und Kinn liegt mittags immer ein Schatten. Ein harter, scharfer Streifen heißt: direktes Licht, und niemand hat etwas dagegen getan. Ein weicher heißt: im Schatten fotografiert oder mit Aufhellblitz.

Weiße Kleidung. Mittags brennt Weiß zu reinem Weiß aus, ohne Struktur, ohne Falten. Wenn ein weißes Hemd oder Kleid im Portfolio noch den Stoff erkennen lässt, hat der Fotograf die Belichtung im Griff.

Fenster in Innenaufnahmen. Bei Innenaufnahmen am Mittag sind oft helle Fenster im Bild. Wenn man erkennt, was hinter dem Fenster liegt, ist die Belichtung ausgewogen. Ist das Fenster ein ausgebrannter weißer Fleck, hat der Fotograf nach einer einzigen Messung belichtet, keine zweite Aufnahme gemacht und weder ND-Filter noch Blitz eingesetzt.

Ein starkes Bild neben einem Totalausfall. Ein einzelnes starkes Porträt unter einer Markise beweist nichts. Wenn das nächste Bild derselben Serie in der prallen Sonne misslingt, fehlt dem Fotografen die Technik für Tageslicht; er hat nur günstige Winkel erwischt. Besonders deutlich wird das bei Hochzeitsserien: Eine Trauung im Garten oder am Strand findet selten bei idealem Licht statt.

Wann ein Shooting am Mittag einfach nicht sein muss

Manchmal ist die richtige Antwort ein Nein. Eine Hochzeit unter freiem Himmel um 13 Uhr im April oder Mai bedeutet eine Stunde Stress für die Gäste und so gut wie sicher eine schwache Bildserie. Ein Familienshooting mit Kindern unter fünf Jahren hat mittags keinen Sinn: Das Kind hat nach zwanzig Minuten einen Sonnenbrand, ist nach zehn müde, und auf zehn von dreißig Bildern ist ein verweintes Gesicht zu sehen. Ein Business-Porträt draußen am Meer bei Tageslicht ergibt fast immer ein Urlaubsfoto und kein professionelles Porträt.

Nimmt ein Fotograf solche Aufträge ohne Vorbehalt an, sagt das mehr über ihn aus als ein schöner Feed. Ein guter Fotograf lehnt ab, was er nicht gut machen kann. Das ist nicht „schwierig im Umgang“, das ist sauberes Arbeiten. Eine freie Stunde am Mittag ist nicht immer ein Anlass zum Fotografieren. Manchmal ist sie ein Anlass, ins Hotel zu fahren, eine Runde zu schlafen und den Fotografen morgen früh um sieben zu treffen.

Der Mittag in Pattaya ist ein Filter. Er zeigt, wer mit der Physik des Lichts arbeitet und wer nur mit dem, was er fertig vorfindet. An einer einzelnen Serie lässt sich das nicht ablesen. An mehreren Serien nebeneinander, bei Tag aufgenommen und nicht bei Sonnenuntergang, sieht man es fast immer.